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Alois Schmid                                                                                                                                                   ein Leben für den Bernhardiner                             

von Dr. Antonio Morsiani, im Jahre 1982

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Das lateinische Sprichwort “verba movent, exempla trahunt” (Worte bewegen, Beispiele reißen mit) scheint auf Herrn Alois Schmid zugeschnitten zu sein, der schon in der ersten Nachkriegszeit in Deutschland und im Ausland sehr bekannt war, obwohl er nie das Geringste getan hatte, um für sich Reklame zu machen und Interviews und Reportagen immer ablehnend gegenüber gestanden hatte.

 

Sein Motto, das auch in dem jüngst erschienenen englischen Buch “All about the St. Bernard” von Beaver zitiert wird - “Der wahre Züchter lebt für die Hunde und nicht von den Hunden” - spiegelt seine Moral als Sportsmann und seine Abneigung gegen jede Art von Übersteigerung und Selbstdarstellung wieder.      Der berühmte Spezialist Albert de la Rie, der Schmid sehr geschätzt hatte, gestand mir Ende der fünfziger Jahre, daß er die “Bismarckturm” für die “top” in Europa hielt; “es ist aber unverständlich”, murrte er, daß der Schöpfer solcher Meisterwerke sich in sein Haus zurückzieht, statt im Interesse der Rasse an internationalen Tagungen und Debatten teilzunehmen, wie es seine Spitzenposition eigentlich erforderte. Tatsächlich gelang es mir erst in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, Herrn Schmid aus seinem “Bunker” herauszuholen und ihn im Ausland denen, die ihn vom Namen her kannten, und das waren sehr viele, persönlich vorzustellen.                                                     Ich muß jedoch zugeben, daß ich oft fürchtete, ihn mit meinen “promotions” gestört zu haben, an denen er mehr aus natürlicher Freundlichkeit und mir zu Gefallen teilnahm, als aus Überzeugung; denn der Realist, als der er sich immer treu blieb, zog dem ort die Tat vor, er wollte lieber, daß seine “Produkte” von ihm sprachen. Und daß sie von ihm sprachen, steht außer Zweifel, denn schon vor 40 Jahren wurden sie sogar in England und Amerika als vorbildlich angesehen, wo Banjo und Falco (oder die aus seiner Linie abstammenden Exemplare wie Gisa v. Ludwigstein oder Elmo v. Staufenbrunnen) in verschiedenen Büchern abgebildet waren. Nicht weniger groß war sein Ruf jenseits des “eisernen Vorhangs”, wie Schmid und ich feststellen konnten, als wir uns bis östlich der Oder vorwagten.

 

Gisa

Gisa vom Ludwigstein, BZB 16952

Die Neulinge, die diese Zeilen lesen, werden sich fragen, was es mit diesen “Bismarckturm” auf sich habe, vor allem mit den zwischen 41 und 66 erzeugten, warum sie so geschätzt sind und beneidet werden. Die einfachste Antwort stammt von einem Großen aus der Welt der Hundezucht, von dem berühmten Hans Glockner, dem 1959 verstorbenen, charismatischen Präsidenten des deutschen Vereins: “Schmids Hunde sind das “typische Abbild” des Bernhardiners”.            Eines Tages sagte mir der Richter Otto Edrich “insgeheim” (um die Wahrheit zu sagen, er pflegte den Gesprächspartner beiseite zu ziehen und ihm “insgeheim” etwas zuzuflüstern, was alle ..... schon wußten), daß er gleich nach dem Krieg und nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft wieder mit der Zucht beginnen wollte und deshalb zu Glockner nach München gefahren war, um sich Rat zu holen. “Du brauchst nicht hierher zu kommen, beschied ihn Glockner, du hast ja das Glück, in der Nähe von Schmid zu wohnen; besuch ihn mal und du wirst außergewöhnliche Hunde sehen. Er kann dir alle Ratschläge geben, die du brauchst.”

Als ich einmal Franz Hrachowina nach den besten deutschen Züchtern befragte, rief er aus :  “Schmid - Ein Züchter, der Wunder vollbracht hat !”

Fritz Staub sagte es noch genauer:  “Schmid ist ein Mann, der der Rasse einen unschätzbaren Dienst erwiesen hat, indem er das beste Material über die Kriegsstürme rettete.”                                                                                            Der selben Meinung war der amtliche Lehrrichter und große Züchter Georg Kasten, dessen Prototyp, der Reichssieger Dieter v. Norden, den Ausgangspunkt für die Linie “Bismarckturm” bildete.                                                                Deshalb muß ich gestehen, daß es mich im Jahr 1965 freudig erregte, als mir der damalige Zuchtbuchführer, Herr Kasten schrieb, daß Schmid nach der Pause im Gefolge des Todes seiner Frau seine Tätigkeit wieder aufgenommen hatte (zu der Zeit hatte er eine prächtige Kurzhaarhündin), und ich nahm mir vor, ihn bei nächster Gelegenheit zu besuchen.                 Die Gelegenheit bot sich im Jahr 1966, Anfang Mai, als ich nach einem umfangreichen Schriftwechsel zu ihm fuhr, um Anita, die erste der von mir erworbenen “Bismarckturm”, abzuholen.

Die Reise war sehr angenehm, denn sie verlief hauptsächlich durch grüne Wiesen und eindrucksvolle Wälder, die an die finsteren von Cäsar beschriebenen Wälder (Hercynia Silva) erinnerten; das änderte sich erst gegen Ende, als wir die unberührte Natur verließen und in eine andere Umwelt eintraten, in der der Beton herrschte und wo, soweit das Auge reichte, nur würfelförmige Häuser, Schornsteine, Brücken, Überführungen, Lichtreklamen, Supermärkte, vor allem aber Fabriken, genauer (dem typischen Geruch nach zu schließen) Chemie - und Metallverarbeitende Anlagen zu sehen waren. Ich hatte die Vororte von Ludwigshafen erreicht, der (von Ludwig I. von Bayern gegründeten) Stadt am Rhein, die in historischer, künstlerischer und ... ästhetischer Hinsicht das genaue Gegenteil des nahen wunderbaren, unvergleichlichen Heidelberg; Heidelberg, die “gelehrte” Stadt mit der mitteralterlichen Universität, den Renaissancehäusern, den Kirchen, dem das Tal beherrschenden Schloß auf dem grünen Berg.

Nach der Straßenkarte lag Edigheim, die Heimat vom “Bismarckturm” in der Nähe von Ludwigshafen, aber ich wurde unsicher, denn Herr Schmid hatte mir ein Foto geschickt, das einer Ansichtskarte vergleichbar war, auf der wie auf einer Landschaft des 19. Jahrhunderts verschiedene Hunde inmitten eines blühenden und mit Bäumen bestandenen Gartens zu sehen waren ....

Gruppe

Es schien mir unvorstellbar, daß ein so romantischer Ort mit so einer Vegetation in der verrauchten Industrieanballung in Rheinland-Pfalz liegen sollte, und ich fragte mich enttäuscht, ob ich mich nicht denn doch verfahren hatte ....             Nachdem ich mich schließlich irgendwie durchgefragt hatte, traf ich in Edigheim ein, das, wie ich leicht feststellen konnte, eines der vielen, von Ludwigshafen eingekreisten Dörfer ist.                                                                                       Als ich die gewundene Untergasse entlangfuhr, war keine Spur von einem Garten zu sehen, und als ich die Nummer 39 erreichte, fürchtete ich noch immer, mich getäuscht zu haben.                                                                                               Dann wurde das Tor geöffnet, und ich konnte mit dem Auto auf den Hof fahren. Der Abend war hereingebrochen, aber das Licht der untergehenden Sonne bot ein unglaubliches Bild; inmitten der Industriestadt befand sich eine Oase, wo im Grün prächtiger Bäume und umgeben von einer Unzahl bunter Blumen auf weitem Raum Vögel in einer Voliere, Tauben, Hühner und  .... Bernhardiner  lebten.      Ich war ausgestiegen und bestaunte den Anblick; da erkannte ich auch Einzelheiten aus meiner “Ansichtskarte” wieder. Die Großstadt schien meilenweit entfernt, es herrschte eine vollkommene Stille, und ich war in ungläubiges Staunen versunken.                                                                                                       Plötzlich hörte ich eine Stimme hinter mir, ich wandte mich um und sah einen alten Herrn in aufrechter Haltung mit einem guten und intelligenten Gesicht, umgeben von seiner Familie ; es war Alois Schmid.                                             Obwohl er mich noch nie gesehen hatte, erwies er sich als außerordentlich herzlich, und entgegen all meinen Einwänden lud er mich ein, bei ihm zu übernachten und zu Abend zu essen. “Die Freunde der Bernhardiner sind meine Freunde”, sagte er lächelnd, “ich würde es also bedauern, wenn Sie nicht hier blieben”.                                      Wir traten ins Haus. Die Atmosphäre war einladend und familiär, und ich fühlte mich sofort wohl.       Mein Gastgeber zeigt nicht das barsche, eilige und oberflächliche Gebaren der Leute, wie wir sie heutzutage meist antreffen, sondern die unmittelbare Freundlichkeit, das angenehme, ruhige Sprechen der Leute von einst. Die Pioniere des vergangenen Jahrhunderts, wie Dr. Künzli, Dr. Calaminus oder Major Blösch ähnelten ihm vielleicht und sie hätten wahrscheinlich einen Bernhardinerfreund so empfangen, wie es Herr Schmid mit mir gemacht hatte.    Ich merkte sofort, daß eine ungewöhnliche Person vor mir stand. In unserer trüben Welt von heute, in dem trostlosen Mikrokosmos der modernen Hundezucht der Massen erschien mir Herr Schmid als Ausnahme, als sichere Stimme in einem Chor von unmusikalischen Sängern.        So empfand ich sofort rege Sympathie für ihn (genauer gesagt, mich erfasste ein coup die foudre), woraus sich dann Freundschaft ergab, als ich seine Gaben der Intelligenz und Integrität besser zu schätzen lernte.       Herr Schmid ist ein geborener Erzähler, schlagfertig und mit Freude an der Anekdote. Trotz seiner 88 Jahre besitzt er noch ein verblüffendes Gedächtnis und eine jugendliche Lebhaftigkeit, und seine Erzählungen über Hunde und aus seiner Jugendzeit sind voll Überraschungen, Spannungen und Humor.                          Jeder, ob alt oder jung, fühlt sich ihm gegenüber wie ein Kind, das am Kamin den Erzählungen des Großvaters lauscht. Ich erinnere mich oft, wie bei mir zu Hause, in der Romagna oder in der Toskana, nicht nur meine Kinder, sondern alle Anwesenden begeistert zuhörten, wenn Herr Schmid sprach.    Es wäre jedoch falsch zu glauben, dieser Patriarch mit all seinen Enkeln und Urenkeln, die ihn lieben und an seinen Lippen hängen, sei nur ein brillanter Erzähler mit einem unwiderstehlichen Sinn für Humor; vielmehr ist er gleichzeitig ein scharfsinniger und weiser Mann, von Natur aus nachsichtig dem Nächsten gegenüber, aber auch von einer heute selten anzutreffenden moralischen Strenge. Eine andere interessante Eigenschaft von ihm ist das Widerstreben, sich von der sogenannten Konsumgesellschaft beeinflussen zu lassen, die den modernen Menschen gleichgeschaltet und automatisiert hat. Die künstliche und verfremdete Umwelt der Industriestädte mit ihrer Überbevölkerung, ihrem hektischen Treiben und ihrer Anpassung an das amerikanische Leben sind an ihm vorübergegangen, auch wenn er als unbeteiligter Zuschauer die Mechanismen beobachtete und durchschaute.

Dem Benehmen nach ein Gentlemen alter Art, Liebhaber der Natur, ist Alois Schmid ein Produkt des Lands, jener bukolischen Welt, die die größten Gestalten der deutschen naturwissenschaftlichen  Tradition hervorbrachte. Man braucht nur an Brehm, Vogt, Specht, Taschenberg, bis zu unseren Zeitgenossen Grzimek, Lorenz und Trummler zu denken, um nur einige zu nennen.    Ich bis überzeugt, daß Herr Schmid, wenn er in jungen Jahren nicht hätte arbeiten müssen, ein Naturwissenschaftler hätte werden können. Denn neben der Liebe zur Natur verfügt er auch über die Gabe der Beobachtung. So sah ich ihn einmal Stunden um Stunden auf einem Schemel sitzen und auf die Rückkehr einer Zwergohreulewarten, die in einer Schießscharte meines Hauses ihr Nest gebaut hatte.                                                               Was die Bernhardinerzucht angeht, so ist Herr Schmid als Meilenstein anzusehen, und er kann ein Kapital für sich beanspruchen für das, was er hervorbrachte und wegen seiner Sachkenntnis. Seine berühmtesten Hunde gehörten der “alten deutschen Version” an, die jetzt beinahe ganz ausgestorben ist. Ihre grundlegenden Eigenschaften waren :                                                                                                                Kopf                                                                 1.) Hochtypischer Knochenstruktur                                          2.)  Außergewöhnliche Wuchs                                                              3.)  sehr großer Gangwerk                                                       4.) Gutes     

 Es sei daran erinnert, daß das Niveau des europäischen Bernhardiners heute sehr niedrig wäre, ja man könnte überhaupt nich von einem Niveau sprechen, weil die Rasse sich aufgelöst hätte, wie es beim Perro da Presa, beim Broholmer und teilweise beim englischen Mastiff geschah, wenn nicht Männer wie Schmid während des Krieges unter unmenschlichen Opfern die wertvollsten Zuchttiere vor der Zerstörung gerettet hätten.                                                          Man denke nur, daß er den Krieg mit 6 erwachsenen Hunden überstand !!  Ein Wunder, ein einmaliger Rekord, zumindest was den Bernhardiner angeht.           Um die Bedeutung dieser Rettung der Rasse zu verstehen, muß man sich vergegenwärtigen, daß in den letzten Kriegstagen in den Industriezonen der Bevölkerung oft das Nötigste fehlte und es oft um das reine Überleben ging.        Die Menschen taumelten wie Gespenster durch eine tragische Welt, in der die Sirenen heulten und die folgenden Bombenangriffe bei Tag und Nacht ankündigten, mit Zerstörung, Schmerz und Tod überall.                                       Für jeden anderen wäre es unmöglich, ja undenkbar gewesen, Hunde, vor allem große Hunde unterzubringen und zu ernähren! Nicht so jedoch für einen Mann von eisernem Willen und unerschöpflichen Fähigkeiten wie Schmid, der sich in jenen kritischen Zeiten nicht darauf beschänkte, die Tiere am Leben zu behalten, bis der Sturm vorüber war, sondern sie sich nach seinem Zuchtprogramm vermehren ließ, so als ob die Welt, die um ihn herum zusammenbrach, nicht existierte!                                                                                                               So besaß er eimal den Mut, mit dem Zug von Ludwigshafen nach München zu fahren, sofern man überhaupt von einer Zugfahrt sprechen kann bei diesen überfülten Zügen, die oft für 200 km einen ganzen Tag brauchten, da die Strecke pausenlos angegriffen wurde, - das, um eine Hündin decken zu lassen.                 Alois Schmid wurde am 4. Dezember 1896 als siebtes von elf Geschwistern in Altenstadt, einem alten, ruhigen Städtchen im Bayerischen Schwaben, umgeben von reichen Wäldern und klaren Bächen geboren.                                                 Das Milieu war das der bayerischen Provinz zu Ende des 19. Jahrhunderts. Die Erinnerung an den Tod König Ludwigs II. war noch wach. Die Leute in der Stadt waren einfach, der Obrigkeit untertan, stolz, aber freundlich und sehr fromm.       All das spielte eine große Rolle in Schmids seelischer Entwicklung. Seine Beschreibungen der damaligen Mentalität und der eigenartigen hierarchischen Ordnung (die geradezu an das Mittelalter gemahnte), sind von größerem Wert als hundert Bücher über Volkskunde, um die Sitten jener Zeit zu verstehen.               Nach siebenjährigem Volksschulbesuch in Altenstadt begann er eine Metzgerlehre und ging 1913 für ein Jahr nach Nürnberg, um in dieser Stadt, die seit Jahrhunderten nicht nur wegen ihrer Architektur, sondern auch ihrer hervorragenden Würste wegen bekannt ist, das Metzgerhandwerk weiter zu erlernen. Anschließend nahm er von 1915 bis 1918 in Ehren am ersten Weltkrieg teil.                                                                                                                       Im Jahr 1921 zog er nach Edigheim (das damals ein hübsches Dorf und noch nicht von Ludwigshafen vereinnahmt war) und war dort als Metzger tätig; dann heiratete er.                                                                                                           1926 machte er ein eigenes Metzgergeschäft auf, das er bis 1956 betrieb, als seine Frau, seine unersetzliche Mitarbeiterin im Betrieb, starb. Mit ihrem Tod schwankte die Eiche Schmid zum ersten Mal; aber dann erholte er sich langsam wieder.                                                                                                                  Die “erste Liebe” für die heilige Rasse erwachte in Schmid schon als Kind in Altenstadt, wo Anton Bihler, sein Schullehrer, zwei Bernhardiner besaß.              Leider hinderten ihn der erste Weltkrieg und die Notwendigkeit, in der kritischen Nachkriegszeit ununterbrochen arbeiten zu müssen, lange Jahre daran, sich aktiv dem Hundesport zu widmen.                                                                                 Schließlich konnte er zu Beginn der dreißiger Jahre (d.h. im zweiten Jahrzehnt der sogenannten “goldenen Zeit” der Rasse) während seines arbeitsreichen Tages etwas freie Zeit für den Bernhardiner finden.                                                        Schmid erinnerte sich noch an die Weltausstellung in Frankfurt von 1935 (der ersten in Europa), auf der außergewöhnliche Hunde wie Nestor v. Rigi (der den BOB machte und “Bester der Schweizer Rassen” wurde) bei den Kurzhaarrüden vorgestellt wurden; sodann Horsa Neuhof, die Mutter von Nestor und Tochter der außergewöhnlichen Norma Deppeler bei den weiblichenKurzhaartieren; Bernd Gütsch, Sohn des berühmten Uli v. Berg und Tal bei den Langhaarrüden und ... dulcis in fundo, Meta v. Lotten (die von de la Rie als eine der schönsten und edelsten Hündinnen aller Zeiten bezeichnet wurde) bei den Langhaarhündinnen. Richter bei den Kurzhaaren waren Max Nähter (D) und der zweiundachtzigjährige Kohler-Grüttner (S) bei den Langhaaren Ludwig Kasten (D) und Dr. Straumann (S).                                                                                                                        Nestor v. Rigi und Meta v. Lotten (die zur alten Schweizer Version gehören, die im Ursprungsland heute ausgestorben ist) sind unübertreffliche Modelle geblieben, und die modernen Züchter sollten sich nach ihnen sichten, sofern der unvermeidbare Vergleich mit der eigenen (heutigen) Produktion keine Frustration und Komplexe hervorruft.                                                                                      Im Jahr 1936 schrieb sich Alois Schmid in den Club ein, dessen Vorsitz damals der genannte Hans Glockner innehatte, der dann sein großer Verehrer und Freund wurde. Anfangs hatte er keine Hunde von besonderer Qualität, aber gegen 1940 erwarb er die Hündin Dora v. Tannenberg aus dem Zwinger Hans Kunzmann aus Sprendlingen, der auch ein bekannter Richter war. Diese Hündin hatte v. Lotten-Blut in sich, denn ihr Vater Bob v. Zwing Uri war der Sohn von Mars v. Lotten, einen Sohn Metas.                                                                                     Schmid wollte Dora von dem berühmten Meister Dieter v. Norden decken lassen, der Ludwig Deinzer gehörte und aus der Zucht von Georg Kasten stammte, einem Hund, den Schmid als vorbildlich ansah.                                                             Leider war Deinzer, der seinen einzigartigen Hund eifersüchtig behütete, nicht damit einverstanden, und so wandte sich Schmid an Glockner, der Zeno v. Großglockner zur Verfügung stellte, einen wertvollen Zuchthund (er war der Enkel von Emir v. Jura), aber dennoch nicht so bedeutend wie Dieter. Das Ergebnis war ein Wurf von zwei männlichen Tieren (Alex und Argo), die verkauft und nie ausgestellt wurden.                                                                                   Schließlich aber hatte Schmid mit Deinzer Freundschaft geschlossen, der ihm 1941 Dieter überließ. Die Verbindung mit Dora wurde , wie Schmid vorgesehen hatte, außergewöhnlich. Es entstanden Banjo, Boto, Berna und Betty.                  Schmid behielt Banjo und Berna für sich und verkaufte Boto nach Württemberg. Leider konnte Banjo nicht mehr für die Zucht eingesetzt werden, denn er starb 1943 im Alter von 18 Monaten bei einem Bombenangriff, der auch Schmids Haus teilweise in Mitleidenschaft zog. Wie sein Bruder war auch Boto ein großer und mächtiger Hund geworden, mit einer ungewöhnlichen Knochenstruktur und Muskulatur, Er wurde in Württemberg als erstklassiger Hund bekannt und lebte dort zehn Jahre. In Württemberg erfuhr die Rasse durch seine Blutlinie  eine wesentliche Verbesserung. Die berühmten Elmo und Elfe v. Staufenbrunnen waren Botos Nachkommen.                                                    

Elfe

Elfe vom Staufenbrunnen, BZB 16930

 

 

Zu Elmo und Elfe (die Schmid dann erwarb) ist zu sagen, daß sie den Höhepunkt in der Zusammenarbeit zwischen Schmid, Straub und Deinzer darstellten, eine Verbindung, die sich als sehr fruchtbar für die Rasse erwies. Berna , Botos Schwester, die Schmid Deinzer schenkte, entwickelte sich wie ihre Brüder außergewöhnlich gut, und nachdem sie von Straubs Kurzhaar Cuno v. Staufenbrunnen, einen Sohn Cunos v. Ludwigstein, gedeckt worden war, gebar sie am 7.2.1942 ein männliches und zwei weibliche Tiere, von denen eine von Deinzer Schmid überlassen wurde. Sie hieß Gisa v. Ludwigstein und war eine prächtige stockhaarige Plattenhündin mit einem Mantel, der sie wie aus “Porzellan” aussehen ließ.

Gisa02

Gisa vom Ludwigstein, BZB 16952

 

Hans Glockner erzählte der Hamburger Kynologin Gerda Umlauff, daß Gisa nicht nur die beste Kurzhaarhündin ihrer Zeit war, sondern auch, daß Exemplare dieser Qualität nur alle zwanzig Jahre geboren würden. Im Jahr 1948 erzielte Gisa in München den BOB, dann wurde sie noch im selben Jahr Siegerin in Mannheim und ebenso 1949. Vom Champion Elmo vom Stauferbrunnen gedeckt, brachte sie 1948 einen Wurf von 10 Welpen zur Welt, aber Schmid brachte das Opfer über sich und ließ im Geiste der Zuchtraison nur vier am Leben, ein großes männliches und drei weibliche Tiere (Pascha, Paula, Pia und Pierette).                                     Pascha und Paula gewannen in Dortmund auf der Bundessiegerausstellung, und Paula errang in Rotterdam den Europasiegertitel. Pascha war ein riesiger Hund mit einer außergewöhnlichen Typologie.                                                                Ein großer Zuchterfolg war der Wurf mit dem Buchstaben D, als Schmids alte Hündin, Dora v. Tannenberg (die Mutter von Boto, Banjo und Berna) zusammen mit Cuno v. Ludwigsstein mitten im Krieg drei Rüden hervorbrachte, Danto, Dieter und Dojan. Vor allem Dieter wurde ein Hund von Klasse und ein großer Deckrüde.                                                                                                               Danto stand dem als Zuchthengst in keiner Weise nach und zeugte mit Gunda v.d. Orstburg (die teilweise Schweizer Blut in sich trug) den bekannten Falco v. Bismarckturm. Falco brachte dann seinerseits mit Elfe v. Staufenbrunnen, Botos Tochter, den großen Olaf vom Bismarckturm hervor, einen weiteren dominierenden Deckrüden, der mit Fortuna v. Werdenfels (einer Tochter von Fürst v. Melina - dessen “Noblesse” auf Emir v. Jura zurückgeht-) die außergewöhnliche Zuchthündin Anita v. Rauberhof hervorbrachte, die Mutter des schönsten Wurfs der Nachkriegszeit in Deutschland, von dem später die Rede sein wird.                                                                                                                      Eine andere bedeutende Verbindung war die zwischen Dieter v. Bismarckturm und Gudrun v.d. Orstburg, aus der 1947 einige Prototypen entstanden, darunter Jago v. Bismarckturm, der nach Schleswig-Holstein gebracht wurde und die dortige Zucht stark beeinflusste. die Haupteigenschaft von Dieter als Zuchthund war, daß er den großen Wuchs und das leuchtende Weiß übertrug, das in der “alten deutschen Version” immer etwas gefehlt hatte. Auf beschränktem Platz können natürlich nicht alle von Schmid erzeugten Klassehunde angeführt werden, aber wir wollen doch auf den erwähnten Wurf Anita’s v. Rauberhof zurückkommen, die die Quintessenz und den Höhepunkt des Geschlechts vom Bismarckturm darstellt. Wenn wir heute auf den “Typ Bismarckturm” anspielen, denken wir sofort an diesen Wurf, dessen genetische Kraft heute in Deutschland praktisch erloschen ist, die aber in Italien weiterlebt, wohin sie in den sechziger Jahren über Arco v. Helenenhof kam, einen Sohn Sandon v. Bismarckturm und Dinas v.d. Grundholzer Eiche (in der über den Weltmeister Astor v. Heldenhof und Helga v. Angeln reines Bismarckturmblut floß).

Anita v. Rauberhof (wie gesagt, eine Tochter Olafs v. Bismarckturm) wurde also von Cuno v. Reinhard gedeckt, einem Sohn Elmos v. Staufenbrunnen und Heras v. Bismarckturm (ihrerseits Tochter Dieters v. Bismarckturm).                               Es entstanden daraus drei Superchampions:  Sando, Sonja und Susie, die (abgesehen von Susie, die nie warf) weiter Meister hervorbrachten. Alle drei wurden von Schmid nach Norddeutschland geschickt.                                            Sando, ein klassischer Vertreter der “alten deutschen Version”, war wirklich außergewöhnlich, was Morphologie, Größe und Knochengerüst angeht. Sein Kopftyp, den wir Züchter erfolglos zu erreichen suchen, war die perfekte Wiedergabe des Standards nach der alten, klassischen deutschen Interpretation, deren größte Vertreter im Laufe der Zeit Näther, Glockner, Hans Meier, Zillinger, Ludwig und Georg Kasten und natürlich Alois Schmid waren.                               Sonja, die von Georg Kasten für seinen berühmten Zwinger v. Norden erworben wurde, wurde nicht nur eine Große Siegerin, sondern war auch als Zuchttier erfolgreich. Die prächtige Meisterin Norma v. Norden (eine der typischsten Hündinnen, die ich je gesehen habe) war ihre Enkelin.                                          Eine weitere hervorragende Paarung Schmids war die zwischen Banjo v. Feldschlössel (Sohn Isors v. Muldenstrand mit dem Blut Lütjers v. Hemphorn) und nochmals Anita v. Rauberhof. Aus dieser Verbindung entstanden zunächst Ursi v. Bismarckturm (Die Mutter der großen Meisterin Zenta v. Bismarckturm und des Meisters Zeno v. Bismarckturm

Zenta

Zenta vom Bismarckturm, BZB 25356

 

 

und dann ein zweites Mal der herrliche Rassehund Valdo v. Bismarckturm, der sichtlich Meistertitel errungen hätte, wenn er an den Ausstellungen der FCI teilgenommen hätte (stattdessen wurde er Meister der konkurrienden Organisation).                                                                                                        Weiter bekannte Champions waren Anita v. Bisamrckturm, die Tochter Zentas (die der größte USA-Richter, der Deutschamerikaner Arthur Hesser als beispielhaft betrachtete, sodaß er ihr Foto in seiner arbeit über den “vollkommenen” Bernhardiner veröffentlichte), sodann Brando v. Bismarckturm, Sohn Zentas und des Meisters Anton v. Höfli, und seine Schwester Berna.              Aber wir wollen hier einhalten, auch wenn die Reihe der “Bismarckturm” noch lange nicht erschöpft ist.                                                                                       Es soll hervorgehoben werden, daß die außergewöhnlichen Ergebnisse Schmids nicht mit zwanzig Zuchthündinnen pro Jahr erzielt wurden, wie man vielleicht glauben könnte, wenn man die Geschichte seiner Erfolge liest, sondern mit druchschnittlich zwei Hündinnen.                                                                          Wie hat er das fertiggebracht ? Im Grunde durch ein ausgewogenes Zuchtprogramm, das die Verwendung des Bluts von Dieter v. Norden in gekonnter Mischung mit anderen wertvollen deutschen Geschlechtern und den Beitrag des guten “alten” Schweizer Bluts vorsah.                                                                    Um die gewünschten Eigenschaften zu erreichen, wandte Schmid nach eingehendem Studium der Stammbäume hauptsächlich das Linebreeding (Linienzucht) an, manchmal auch das Largebreeding (sehr entfernte Linienzucht), selten das Inbreeding (Inzucht), das er dann schnell über ein Outbreeding (Paarung blutfremder Tiere) verließ. Mit anderen Worten, er führte alle Methoden durch, um das “Modell” zu erreichen, das er sich seit den dreißiger Jahren in den Kopf gesetzt hatte. Eines ist sicher, seine Hunde waren nie zufällige Erzeugnisse, sondern Ausdruck einer langen, überlegten, erkämpften und auch genetischen Auswahl. Aus diesem Grund waren die “Bismarckturm” auch so gute Zuchthunde und haben zur Verbesserung zahlreicher Blutlinien in Deutschland und im Ausland beigetragen. Viele Züchter (an erster Stelle der Unterzeichner) verdanken ihre besten Exemplare Herrn Schmid. Es wäre gut, wenn die jungen (und auch nicht mehr so jungen) Züchter Schmids Systeme in den Zuchtbüchern berücksichtigen.                                                                                                     Die höchste Anerkennung für Schmid kommt jedoch nicht von einem jungen Züchter, sondern von einem Veteranen, der seit 1910 Bernhardiner besaß und der alle “Großen” der Vergangenheit kannte, vom Major Fritz Blösch bis zu Steinegger, von Giavina bis zu Karl Steiner. Diese Anerkennung kommt von dem verstorbenen Elio Ferrari, einem Vetter von Enzo Ferrari, dem Konstrukteur der berühmten Rennautos.                                                                                                             In den siebziger Jahren war Ferrari der Altmeister der europäischen Züchter, und er hatte sich nicht nur wegen des fortgeschrittenen Alters, sondern auch wegen “Unverträglichkeit” mit der Massenhundehaltung aus dem aktiven Sport zurückgezogen.                                                                                                      Im Bulletin des italienischen Clubs schreibt Elio Ferrari in seiner malerischen Sprache:

“.........In der großen Totenstadt, die die Hundezucht weltweit geworden ist (in der Chamäleone, Kaninchen, Kapaune, Legehühner und Schafe das Sagen haben), möge jeder, der das Glück hat, einem Mann wie Alois Schmid zu begegnen, sich dessen Ratschläge und Hinweise zu Herzen nehmen, die er ohne Vobehalte gibt, und er soll ihm danken und voll Ehrfurcht den Hut abnehmen, denn er hat den letzten “großen” Bernhardiner getroffen. Und wer jung ist und deshalb zum Lebensgenuß und Materialismus neigt, nütze die Gelegenheit aus, um sich von Schmid erzählen zu lassen, was er in der Untergangsstimmung des Kriegs durchgemacht hat, um die Rasse zu retten; und er wird verstehen, wozu ein Mensch fähig ist, der Intelligenz, Mut, Opferbereitschaft und Fachwissen in den Dienst seines Ideals gestellt hat.

Ich sehe nicht so schwarz für die offizielle Hundezucht, aber ich unteschreibe voll und ganz was über Alois Schmid gesagt wird, und möchte hinzufügen,daß die Hundezucht mit ihren Idealen nicht untergeht, solange es solche Menschen gibt.

 

                                                                            Dr. Antonio Morsiani

                                                                                 Im Jahre 1982

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